Unsere Kandidatin Ligia Vogt sprach am Frauen*streik 2019 in Aarau.

Grüezi Mitenand,

Es ist eine grosse Ehre, ein historisches Privileg und eine ausserordentliche Verantwortung heute diesen zweiten FrauenStreik begleiten und alle Migrantinnen im Kampf für Frauen Gerechtigkeit vertreten zu dürfen.

Einen grossen herzlichen Dank an die Schweizerinnen, die Pionierinnen, Sufragistininnen, Mütter, Grossmütter, Urgrossmütter, Bäuerinnen und alle Arbeiterinnen. Auch an alle Märtyrerinnen welche für mehr weibliche Rechte kämpften und mit degradierenden Ausdrücken wie z.B. Hexe abgestempfelt wurden. Ausserdem meine Hochachtung an alle Frauen welche aufgrund ihres ledig seins oder ihres Alters ihre Kinder weggeben mussten, aber auch an genau diese VerdingKinder welche unrechtmässig nicht bei Ihrer Familien aufwachsen konnten und mit welchen wir immer noch eine offene Schuld haben. Oder auch die Arbeiterinnen welche ihre kleinen Kinder verstecken mussten um sie vor dieser sozialen Kontrolle zu schützen, so zum Beispiel die Italienerinnen. Ausserdem ein Dank an all die anonymen Frauen welche weiterhin Liebevoll dazu beitragen dieses Land positiv zu formen.

Natürlich habe ich vor dem Verfassen diese Rede Nachforschung betrieben, jedoch fand ich viel Schweigen und eine grosse Leere der weiblichen Rolle in der schweizerischen Geschichte. Unglaublich dass ein solche wunderbares Land erbaut wurde ohne dass Frauen einen prominenteren Platz in der Geschichte einnahmen. Je mehr ich über die schweizerische Geschichte las, desto mehr häuften sich die Gründe an diesem Frauen Streik teilzunehmen und ich wurde auch feministischer gesinnt.

Die Ungleichheiten, Fehler und Missbräuche betreffen auch Migrantinnen. Leider, sind es manchmal die Frauen selbst welche die anderen Frauen missbrauchen. Die Gründe dafür sind vor allem das Model der Domination, die uralten Patriarchale Strukturen, das Ungleichgewicht desr Macht, die Verschleierungsmechanismen, die Instrumentalisierung der Frau und die Frauenfeindlichkeit welche es nicht ermöglichen Gleichberechtigung in der Schweiz durchzusetzen.

Unglaublich aber es ist nur erst 48 Jahre her das die Schweizerinnen das Stimmrecht und Wahlrecht erreicht haben.
Eigentlich ist die Gleichstellung von Frau und Mann bereits seit 1981 in der Bundesverfassung verankert.
Und nur 28 Jahre trennen uns vor dem ersten grossen Frauenstreik der Schweizer Frauen.

Das heutige Bild ist jedoch noch immer nicht präsentierbar, es gab zwar Veränderungen auf dem Papier, jedoch bleibt die Verwirklichung dieser Reformation noch immer aus. Ja, es gibt auch positive Veränderungen, jedoch passieren diese viel zu langsam. Es gab jedoch ausserdem auch untolerierbare Rückschritte, darum will ich an die Veränderung appellieren welche Schweizerinnen sowie Migrantinnen sich erhoffen. Unter anderem wären dies diese Forderungen:

  1. Wir können nicht frei sein solange andere über unseren Körper entscheiden, dies muss sich ändern.
  2. Elterliche Entfremdung darf nicht stattfinden.
    Es gibt eine historische Schuld welche beglichen werden muss:
    Man sollte sich offiziell bei den Opfern entschuldigen. Wie z.B. bei den jungen Schweizerinnen der 50, 60 und 70ern und bei all denen wessen Kinder weggenommen wurden. Man sollte helfen die Familien wieder zusammenzuführen ausserdem müssen wir uns auch bei den italienischen Arbeiterinnen/Müttern entschuldigen. Es liegt in der Verantwortung der Gesellschaft diese schandvolle Zeit nicht zu vergessen und den Opfern Genugtuung zu veschaffen.
    Ohne Gerechtighkeit giebt es keinen Frieden!
  3. Kinderkrippen müssen für jedermann erschwinglich sein, jedoch müssen die Löhne für die Kinderbetreuerinnen auch gerecht sein.
  4. Karriere und Familie müssen vreinbar sein wenn die Frau es auch so will !
  5. Es braucht faire Jobs ohne Chancen Ungleicheit zwischen den Geschlechtern!
  6. Faire Löhne! Gleiche Arbeit = selber Lohn
  7. Faire Frauenquoten in Kaderpositionen
  8. Viele Frauen arbeiten Teilzeit, deswegen haben sie auf bezahlte Ferien keinen Anspruch.
  9. Wo sind die Frauen wenn Entscheidungen getroffen werden? Es braucht unbedingt mehr Frauen in der Politik es sind nur 33% im Nationalrat und nur 15% im Ständerat. Das ist noch nicht genug ausserdem soll dies sich auch in der Kommunal Politik ändern.
  10. Es ist ausserdem nötig die Fachstelle für Gleichstellung des Kanton Aargaus wieder in Betrieb zu nehmen, aber Subito!
  11. Integration ist und bleibt ein sehr zentrales Thema, auch wenn viele Migrantinnen in ihrem Heimatland einen Beruf hatten und ihren Erfahrungen hier einbringen möchten, werden ihre Diplome meist nicht anerkannt. Vergessen wir nicht das jede Diplomierte auch ein Teil Human Ressource ist und dies kein Rappen für die Schweiz kosten würde.
    Wir fordern für Migrantinnen unentgeltliche Beratung über Ausbildung und Beruf unabhängig von ihren Abschlüssen und Ihres Deutschniveaus.
    Ausserdem wollen auch wir Migrantinnen unsere Perspektiven und Erfahrungen beitragen. Viele von uns sind hoch ausgebildete, Akademikerinnen. Es ist an der Zeit aufzuhören über uns zu reden statt mit uns zu reden.
  12. Gewalt daheim, im Eheraum ist auch Gewalt und darf nicht vorkommen. Frauen müssen auch in der Ehe vor Missbrauch geschützt werden. Diese Formel:
    Verliebt / Verlobt /Verheiratet / Vergewaltigt darf nicht vorkommen !
  13. Sensibilisierung der Gesellschaft und der Behörden. Wir sollten unsere Ohren aber auch unsere Herzen öffnen. Wenn eine Frau oder ein Mädchen, ein Kindoder ein alter Mensch einen Missbrauch melden, so soll dieser auch gerecht verfolgt werden und nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden.
  14. Humanere Behandlung von Opfern von Missbrauch. Es darf nicht sein das die Opfer wie die Kriminellen behandelt werden.
  15. Die Gewalt gegen Frauen ist kein Buch, Film und sicherlich kein VideoSpiel. Wir müssen aktiv für die Prävention von Missbrauch propagieren. Dies muss unbedingt bereits in jungem Alter anfangen, seit dem Kindergarten. So sind junge Mädchen keine dummen Kühe, unsere Mädchen sowie Jungs haben Rechte und über diese sollen sie im frühen Alter bereits sensibilisiert werden.
  16. Sexuelle Gewalt gegen Frauen sollte nicht mehr juristisch folgenlos, straflos bleiben.
  17. Die Opfer von sexueller Gewalt oder von Häuslicher Gewalt sind ihr ganzes Leben davon betroffen. Es darf nicht sein das die Sexuellen oder die HG Delikt verjähren, die Schande und der Schmerz verjährt nie!
  18. Man muss die Schwächsten besser schützen. Das sind vor allem Kinder, ältere Personen und Frauen. Man sollte mit mehr Aufmerksamkeit zuhören, dies sind keine Präzedenzfälle. Es ist an der Zeit die Sachen beim Namen zu nennen, denn hinter den Dunkelziffern verstecken sich sensible Probleme wie: Sexting, Gaslighting, Gender Mobbing, Cybermobbing, Belästigung, Stalking, K.O Tropfen, und Selbstmord.
    Alles geht so schnell das die Gesetze bald obsolet sind und viele der neu emergierenden Problematiken mit der Technologie nicht juristisch bekämpft werden können.
  19. Es darf nicht sein dass ein Apéro an einem Anlass mehr kostet als das Budget eines Frauenhauses. Die Funktion der Frauenhäuser ist nötig, wertvoll und manchmal auch sehr riskant. Darum ist es nötig faire Löhne und Budgets für diese Frauenhäuser zu bereitzustellen. Diese Frauenhäuser sollten nicht zum Aschenputtel des Kanton Aargau werden.
  20. Natürlich sind nicht alle Männer Täter und nicht alle Frauen sind automatisch Opfer. Dafür ist es auch nötig das Männerhaus des Kanton Aargaus und die Rehabilitierungs Programmen zu unterstützen, weil das ist die andere Gesicht von die Gewalt und Dominierung Fenomen.

Seit Jahren schon träume ich von einem Frauenzentrum von und für Aargauische Frauen wo man folgendes finden könnte:

  • Digitalisierte Information über verschiedene Angelegenheiten der Frauen im Aargau-
  • Ein Register über die verschiedenen alten Weisheiten und Überlieferungen der Mütter, Grossmütter, Bäuerinnen, Hebammen etc.
  • Ein Register mit verschiedenen Kulturgütern, Kunst, Traditionaler Medizin usw. Dies alles natürlich rund ums Thema Frauen von unserem Kanton. Das ist unser Kulturerbe.
  • Ehrung verschiedener wichtiger Frauen und ihrer Beiträgen in dem Kanton und das am besten während Sie noch leben, nicht erst wenn es zu spät ist.
  • Ein klassiertes Register mit allen Missbräuchen gegen Frauen und Mädchen im Aargau.
  • Ein Abteil wo über Frauen Missbrauch informiert wird und wie man präventiv in solchen Situationen am besten vorgeht.

Es gibt bereits genug Menschrechte und Frauenrechte, was nun fehlt ist diese auch konsequent durchzusetzen und das nicht nur auf Papier. Das wäre ein guter erster Schritt in die richtige Richtung
Dieses Frauenzentrum vom dem ich Träume hätte das Potenzial diesen Fortschritt aufzuzeigen und die aargauische Bevölkerung für diese wichtigen Themen rund um die Frauen zu informieren.

Schluss mit Vereinheitlichung, Clichés und Vorurteilen denn das beste Mittel gegen eine Gesellschaft mit Gewalt ist die Information, Prävention, Integration und das Suchen des Dialogs.
Schweizerinnen und Migrantinnen haben gemeinsame Probleme welche auch gemeinsame Lösungen bedingen.

Denn folgen wir den offiziellen Statistiken in der Schweiz, so wird immer noch alle 3 Wochen eine Frau aufgrund häuslicher Gewalt ermordet.
Deshalb können wir heute leider nicht alle hier sein. Es fehlen alle Frauen welche nicht die Erlaubnis erhielten zu kommen, alle suizidierten und ermordeten Frauen.
Darum will ich nicht um eine Schweigeminute bitten, sondern ich bitte um eine Minute des Applauses, weil wir Frauen in der Schweiz bereits lange genug geschwiegen haben!

Die Liebe ist die stärkste aller Energien. Wegen Liebe bin ich in die Schweiz gekommen und wegen der Liebe verbleibe ich auch noch immer hier. Ich habe viele Träume und Pläne und will darum auch weiterhin leben. Ausserdem braucht es diesen Kampf zusammen mit allen anderen Frauen, Schweizerinnen und Migrantinnen aber auch mit alle unseren Männern zusammen um unsere Wünsche und Rechte in diesem wunderschönen Land zu erreichen.

Vielen Dank !
Muchas gracias! Kankunapa! Thank you!
muito Obrigada!

Rede zum Frauen*streik von Ligia Vogt
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